LiterAHRische Gesellschaft Bad-Neuenahr e.V.
LiterAHRische Gesellschaft Bad-Neuenahr e.V.

BEITRÄGE UNSERER AUTOREN

 

INFOS ZU DIESER RUBRIK UNTER "TERMINE"

 


Die Angeberin


Es war an einem meiner ersten Schultage überhaupt, und dann auch noch in einer 
fremden Umgebung, denn wir, meine Oma und ich, waren evakuiert worden.
Meine Mutter arbeitete in unserer Heimat an kriegswichtigen Handschuhen für 
Soldaten und mußte dort bleiben.


Ich war ein verhätscheltes und verwöhntes Einzelkind und entsprechend 
unselbständig, weil mir alles von Mutter oder Oma abgenommen wurde.
Nun also wurde ich in der Fremde eingeschult. Als ich auf den Schulhof kam, staunte
ich über große Zahl der Kinder, die dort versammelt waren. Soviel Kinder auf einmal 
hatte ich noch nie gesehen. Viele der Kinder schauten immer wieder auf die große 
Uhr, die über dem Gebäudeeingang prangte. Plötzlich erscholl eine laute Glocke. Die
Kinder versammelten sich rasch in Gruppen und wanderten zu zweit aufgereiht 
hintereinander in das Schulgebäude. Am ersten Tag kam eine Lehrerin und führte 
uns Erstklässler in den Klassenraum. Den mußten wir uns gut merken, denn ab jetzt
sollten wir ihn alleine finden. Schon nach der ersten Pause, bei der ich wieder über 
die Menge der Kinder staunte, klappte das schon ganz gut. Auch ich ging brav neben
meiner Banknachbarin in die Klasse. 


Ein oder zwei Tage später fragte die Lehrerin, ob eine von uns auf den Schulhof 
gehen könne und ihr sagen, wie spät es sei. Ich überlegte eine Weile und hob dann 
meinen Arm. Sie wählte mich aus und ich verließ stolz das Klassenzimmer. 
Aber was war das: Wo sonst lebhaftes Gedränge war, war alles still und 
menschenleer, weder auf dem Flur noch im Treppenhaus war eine Menschseele zu 
sehen. Ich war ganz allein. „Die sind alle bestimmt auf dem Hof,“ dachte ich. Aber 
auch dort war niemand anzutreffen. Ich starrte verständnislos auf das riesige 
schwarzweiße Zifferblatt der Uhr. Ich konnte die Uhrzeit noch nicht ablesen, hatte ich
mir doch vorgestellt, jemand von den vielen Leuten, die sonst immer hier waren, zu 
fragen.


Ich wartete vergeblich, daß sich jemand blicken ließ. Stattdessen kam meine 
Lehrerin: „Ist dir was passiert?“ fragte sie besorgt. Ich schüttelte den Kopf.
„Warum kommst du denn nicht rauf?“ „Ich kann die Uhr nicht lesen“, murmelte ich 
beschämt mit gesenktem Kopf. Die Lehrerin war einen Moment sprachlos.
Dann hielt sie mir eine ordentliche Standpauke, bei der sie mir klarmachte, daß man 
sich nicht für klüger ausgeben könne, als man sei.


Wieder im Klassenraum, setzte ich mich still auf meinen Platz. Meine Lehrerin verlor 
gegenüber der Klasse kein Wort über das Vorkommnis und eine weitere Strafe 
erhielt ich nicht. Nur einige Zeit später erkannte ich mich wieder bei den Worten über 
Wichtigtuerei und Angeberei in einer Morgenandacht, die unser Pastor hielt, und 
siedend heiß schoss die Scham durch meinen Körper.


© RH Juli 2022   (Renate Höft)

 


Fußgänger 


„Da hast du es wirklich prima angetroffen, 
Wilhelm. Besser geht es ja  nicht. So ein 
gepflegtes Haus, nette Leute, leckeres Essen.    
Und dazu noch diesen wunderbaren Park. Du 
bist ein Glücklspilz.“
„Ja stimmt. ich bin zufrieden. Nett dass Du 
endlich auch mal gekommen bist. Setzen wir  
uns doch mal  ́nen Moment auf die Bank in den 
Schatten. Aber, Karl-Otto,  wie geht es Dir?“
„Danke der Nachfrage – mir geht es auch recht 
gut. Na ja, das Alter.... . Aber das weißt du ja 
auch selber. Nun sag mal, was soll denn das 
Schild hier ‚Achtung Fußgänger‘?  Gibt es hier  
gefährliche Fußgänger? Hab‘ ich ja noch nie 
gesehen.“
„Ja, ist neu hier. Aber die Leute sind noch immer dieselben. Hier hat noch nie 
einer was einem anderen getan. Radfahrer, ja, da musst du aufpassen. Hunde 
auch, laufen manchmal frei rum. Hätten se schreiben sollen ‚Achtung 
freilaufende Fußgänger‘. Ist vielleicht ein Witz, oder was meinst du?“
„In Kanada gibt es Schilder für Bären und in Schottland für Schafe. Die laufen da
ja auch oft frei auf den Straßen rum.“ 
„Und hier laufen die Fußgänger frei auf den Straßen und Wegen  rum. Da wird 
sicher bald was dran geändert, oder?“ 
„Heuzutage weiß man ja nie. Abwarten und Tee trinken sag ich immer.“
Beide saßen eine Weile stumm nebeneinander. Dann sagte Karl-Otto:
„Und was ist mit Fußgängerinnen?“

Jo  Kus  Juli 2022

 

Nur eine Puppe


Vor etlichen Jahren war ich bei der Familie meiner Tochter zu Besuch, die mit ihrer
Familie in Amerika lebt. Es war ein strahlender Vorfrühlingstag. Meine Enkelin spielte
mit einer Puppe. Die hatte sie kopfüber auf einem Stuhl stehen und versuchte
vergeblich, ihr ein Höschen anzuziehen. Ungeduldig nahm sie die Puppe auf und
warf sie in den Puppenwagen. Mir lief es eiskalt über den Rücken: Der Puppenkopf
hatte eine Reparaturspur vom Nacken bis zur Stirn, wie eine Narbe.
Plötzlich sehe ich mich selbst als Kind, ungefähr in dem Alter, wie meine Enkelin
jetzt. Es ist ein milder Vorfrühlingstag wie heute. Ich spiele bei meiner Oma.
Die Balkontür steht weit offen, laue Luft weht sanft herein und bläht sachte die
Vorhänge. Gegenüber vom Haus liegt ein parkartiger Friedhof, umgeben von einer
Mauer. Dort singen Vögel laut und übermütig. Ein breiter Weg führt mitten über den
Friedhof in den anderen Teil der Stadt, in dem meine Mutter mit mir wohnt. Mein
Vater ist an der Front.


Ich beschäftige mich mit meiner Puppe. Sie ist aus Celluloid, mit Schlafaugen und 
beweglichen Armen und Beinen, die Frisur ist auch aus Celluloid mit angedeuteten 
Wellen und einer kleinen Innenrolle „Wie heißt deine Puppe?“, hatten die 
Erwachsenen gefragt. „Amerika“, hatte ich geantwortet. „WIE heißt deine Puppe?“ 
fragten die Großen noch einmal. „Amerika“. „Aber so heißt doch keine Puppe. Du 
meinst sicher Erika!“ „Amerika“, beharrte ich. Keiner wusste, wann und wo ich 
diesem Wort begegnet war.


Ich versuche, die Puppe anzuziehen, Plötzlich ein greller Heulton. Die Oma kommt
ins Zimmer:“Komm, Kind, Vorarlarm, wir müssen in den Luftschutzkeller.“ Ich habe
meine Puppe im Arm. Aber die Oma nimmt sie mir weg, und setzt sie in ein
Puppenhochstühlchen. Dann schließt sie Balkontür. „Oma, meine Amerika“. „Nein,
Kind“.   Die   Oma   nimmt   mich   an   die   Hand.   Wieder   ein   greller   Heulton,
durchdringender, furchterregender jetzt, Vollalarm. Oma hastet mit mir in den
Luftschutzkeller. Es sind schon viele Menschen dort, sie schweigen. Plötzlich ein
ohrenbetäubender Knall, Mörtel rieselt von den Wänden. Die Leute werfen sich zu
Boden. Ich lande mit dem Gesicht auf einem Pelzmantel. Ein Erwachsener liegt über
mir und drückt mich schwer mit seinem Gewicht. Ich bekomme keine Luft und
zappele. „Passen Sie doch auf,“ kommt eine Frauenstimme aus dem Pelzmantel. Ein
Arm umschlingt mich und hält mir das Gesicht frei. Die Detonationen kommen in
immer kürzeren Abständen, die Scheibe der Kellerluke zerbirst und wirbelt Scherben
über die aufschreienden Menschen. Brandgeruch breitet sich aus. Einige wollen
hinaus aus dem Raum. „Sie bleiben hier oder ich zeige Sie an,“ bellt eine
Männerstimme. Draußen ein schier endloses Heulen, Knallen und Brummen, immer
wieder ein Erzittern des Hauses. Dann ebbt es ab, es folgt atemlose Stille, Stille
ohne   Zeit.   Endlich   wieder   ein   durchdringender   Heulton.   Erlösend   diesmal.
Entwarnung. Die Menschen stürzen aus dem Keller, sich gegenseitig behindernd. 
Oben in der Wohnung der Oma ist alles heil, nur das Puppenstühlchen ist umgefallen
und der Puppenkopf hat einen Riss vom Nacken bis zur Stirn.
„Oma, meine Amerika“.“Komm, Kind, wir müssen zur Mutti“.
Draußen riecht es nach Feuer. Das Eckhaus mit dem Kaufladen steht in hellen 
Flammen. Der Inhaber lehnt an der Friedhofsmauer und murmelt ununterbrochen 
„Alles hin, alles hin, alles hin“. Der Friedhofsweg ist grau von Asche und Staub. 
Etwas Längliches liegt auf dem Weg, mit grauem Staub bedeckt. „Oh Gott, ein Arm“ 
jammert meine Oma. Dann schreit sie auf, ein Oberkörper liegt dort, ohne Kopf, 
Arme und Unterleib, die Wunden dick grau verdeckt. Weiter hastet sie mit mir an der 
Hand. Am Ende des Weges ein zerstörtes Pferdegespann, das Pferd liegt mit 
heraushängendem Gedärm noch im Geschirr auf der Seite. Auf dem Gehweg liegen 
zwei Frauen nebeneinander flach auf dem Rücken. Ihre Röcke wehen wie Wimpel 
über den Knien nach oben. Das alles nehme ich wahr. Ich weiß nicht mehr, ob und 
was ich gefühlt habe. Aber ich weiß, dass ich keine Angst hatte, denn meine Oma war
bei mir.

 

Meine Mutter stürzt weinend auf uns zu, reißt mich hoch und herzt mich

schluchzend. Auch ich weine jetzt. "Mutti, meine Amerika."

Die Erwachsenen reagieren nervös. "Du und deine Amerika". Ich kann mich nicht

beruhigen und schluchze: "Meine Amerika, meine Amerika.

 

In dem amerikanischen Haus stehe ich und starre immer noch auf den Puppenkopf,

als meine Tochter kommt und sagt: "Mutter komm, wir wollen frühstücken."

 

Renate Höft/7-22

 

 

 

Artensterben

 

Immer stärker rückt es in den Vordergrund -- das Artensterben.

Rundfunk, Fernsehen und Presse - alle berichten darüber.

 

Aber stelle dir doch mal vor wie das ist, wenn du gemütlich auf dem Balkon entspannen möchtest, deinen Wein oder Kaffee mit Kuchen genießen möchtest, dir dein Feierabendbier im Gartenstuhl zwischen den Blumen schmecken lässt.

 

Was ist da gleich alles los?

 

Ein wahnsinniges, lautes, kaum auszuhaltendes Gebrumme und Gesumme unzähliger Bienen, Hummeln, Wespen und sonstigen Flattertieren. Vögel aller Arten tummeln sich mit mörderischem Geschrei in den Bäumen. Dass hält man doch nicht lange aus.

 

Im vorigen Jahr erst habe ich eine Studie von dem amerikanischen Institut

„Animals and Future“ in Denver/Texas gelesen, dass sich die gemessenen Phonzahlen der Kleinflieger um 27 % und die der Vögel um ganze 32% erhöht haben.

Was für ein Krach!!!

 

Das Ganze ist aber kein neuzeitliches Phänomen, denn schon in den 1970-iger Jahren hatte man die tierische Lärmbelästigung erkannt und eine Gegenoffensive auf grünen Wiesen gestartet. Das legendäre Woodstock-Festival !!!!!

4 Tage lang war endlich Ruhe vor den wilden Summattacken der Fliegen, Bienen, Wespen und den laut schreienden Vögeln. Mannsgroße Lautsprecherboxen und jede Menge toller Bands. Herrlich muss das gewesen sein.

 

Nichts war mehr mit brumm, brumm und piep, piep.

Leider hat sich der Kampf gegen den tierischen Krach wieder gelegt, und nur noch vereinzelt wehrten sich die Menschen in den 80-iger und 90-iger Jahren

dagegen. Hoffnung keimte aber wieder auf, als in den Wäldern der Hocheifel, am legendären Nürburgring das erste große Festival sozusagen mitten in Wiesen und Eichenwäldern veranstaltet wurde.

 

Aus war es endlich für lokale Störenfriede wie dem Specht mit seinem blöden Gehämmere.

Amseln, Meisen, Finken – aus mit ihrem Geplärre.

Selbst das lästige, kitschige Geschrei des „Ich rufe wie ich heiße“-Vogel ist weitestgehend verstummt. Aus mit seinem Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck.

 

Auch neueste Techniken beleben den Kampf gegen die gesundheitsgefährdenden Naturgeräusche. Man sieht sie immer häufiger, und nicht nur bei Jugendlichen.

Nein auch ältere Menschen sagen inzwischen dem Krach den Kampf an.

Sie schützen sich beim Joggen im Wald, oder Radeln durch Wiesen und Felder,

mit kinderwagenrädergroßen Kopfhörerschalen, die mit extra breiten Kopfbügeln ausgestattet sind. Diese werden festgezurrt, damit alle möglichen Störungen der sogenannten Singvögel zu 99 % abgewehrt sind.

 

Wo kommen wir denn hin, wenn so ein Flatter- und Piepgetier uns Menschen diesen ohrenbetäubenden Krach auf Dauer aufzwingen will.

 

Das geht ja morgens um ½ 5 Uhr schon los.

Da kommst du rechtschaffen müde von einer Technoparty, und auf dem Heimweg in dein wohlverdientes Bett schreien die Vögel schon wieder aus den Bäumen, was das Zeug nur hält.

 

Also ich mach als erstes das Schlafzimmerfenster zu, schmeiß mich ins Bett, werfe 2 Ecstasy Tabletten in mich rein, knall mir meine Kopfhörerschalen mit meiner Lieblingseinschlafband Ramstein auf die Ohren, dann kann ich ruhig einschlafen. Ohne das Naturgeschrei da draußen.

 

Hermann Schuhen /6-22

 

 

 

 

Die Bewerbung

 

Er betrachtete sein Spiegelbild kritisch und war zufrieden. Alles war seiner Meinung nach korrekt. Er war es von seinem Elternhaus her gewöhnt, auf sein Äußeres zu achten. Es kam ihm aber heute besonders darauf an, einen guten Eindruck zu machen. Um 10 .00 Uhr mußte er beim Medienzentrum sein, denn er hatte eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Er wollte sich um die ausgeschriebene Stelle als Koordinator bewerben. In Gedanken ging er noch einmal alle Punkte für das Bewerbungsgespräch durch. Er war sich seines Könnens durchaus bewußt. Sein Kunststudium hatte er erfolgreich abgeschlossen. Er sprach mehrere Sprachen, außer Französisch und Deutsch auch Englisch, Spanisch und Italienisch. Von der Arbeit in einem Medienzentrum versprach er sich Kontakte für sein Weiteres Fortkommen. Rechtzeitig machte er sich auf den Weg.

 

Heute war Annelieses erster Arbeitstag nach ihrem Jahresurlaub. Die wichtigsten, etwas hektischen Arbeiten im Vorzimmer Dr. Cortes - des Chefs des Medienzentrums- waren bereits erledigt. Es war gerade 10.00 Uhr als fast zeitgleich Dr. Corte mit einer Mappe in der Hand aus seinem Büro kam, und es an der Eingangstür klingelte. Er warf ihr die Mappe mit einem gemurmelten Wort auf den Tisch, während sie den elektrischen Türöffner betätigte. Sie hatte ihren Chef nicht verstanden und sah ihn fragend an.

 

Ein Mann betrat das helle, freundliche Büro. „Sehr zweckmäßig eingerichtet“, dachte der. „Aber warum sitzt eine Frau am Schreibtisch und ein Mann steht am Regal? Müßte das nicht umgekehrt sein?“ Er grüßte höflich in Richtung des Mannes.

 

Dr. Corte grüßte zurück während er sich an dem Ordnerregal zu schaffen machte.

 

Anneliese fragte den Besucher nach seinen Wünschen. „Ich komme wegen der offenen Stelle als Koordinator in Ihrem Unternehmen,“ antwortete er mehr in Richtung des Mannes am Regal. Anneliese war verblüfft. Hatte sie in der Betriebsamkeit des ersten Morgens nach dem Urlaub übersehen, dass ein Bewerbungsgespräch anstand?. Der Besucher war ein sehr elegant gekleideter Farbiger. Dr. Corte zog einen Ordner. Mit sprechendem Blick und einer Handbewegung wies er Anneliese an, sich des Besuchers anzunehmen. Er selbst las konzentriert in dem Ordner. 


Anneliese faßte sich schnell und begann routiniert ein freundliches Gespräch mit dem Bewerber, der vor ihrem Schreibtisch saß. Er war ihr sehr sympathisch. Seine Antworten waren präzise.  Er erschien ruhig und ausgeglichen. Er erläuterte klar seine Vorstellung von der Arbeit eines Koordinators. Aber in Gedanken war er nicht ganz bei der Sache. „Warum redet der Mann nicht mit mir?“ dachte er. „Stattdessen sitze ich hier vor einer Frau. Sie ist eigentlich sehr nett, aber ist sie auch kompetent?“ In seinen Augen las sie eine gewisse Skepsis. 


Anneliese wurde ein wenig unruhig, weil Dr. Corte keine Miene machte, sich des Besuchers anzunehmen Die Mappe lag noch immer unberührt auf ihrem Schreibtisch. Nur um etwas zu tun schlug sie die auf. Es waren die Bewerbungsunterlagen des Mannes vor ihr.„Malik Ngom“, las sie, „geboren am 23.05.1405 in Kaolack“ Der Mann war also ein im Senegal geborener Muslim. Sie versuchte, das Geburtsdatum umzurechnen, was ihr aber nicht gelang.


Unter dem ausführlichen Lebenslauf war mit sehr dünnem Bleistift in einem Kreis von Cortes Hand ein N gemalt. Das hieß „Nein“. In Anneliese stieg Wut auf. Warum hatte Corte den Mann denn erst eingeladen. Sie empfand es als sehr unfair, Hoffnungen zu wecken, die mit Sicherheit nicht erfüllt wurden. Warum trieb sich Corte die ganze Zeit in ihrem Büro herum. Das war wohl nichts anderes als die blanke Neugier. Anneliese nahm sich zusammen. Sie blieb liebenswürdig und beendete das Gespräch freundlich mit dem Versprechen, sich später bei Ngom zu melden. 

 

Malik war nicht sonderlich enttäuscht, hat er bei diesem Gespräch doch nicht mehr ernsthaft an einen Erfolg geglaubt. Gerade als er gehen wollte, bat Corte ihn in sein Büro.

Anneliese blieb ärgerlich und ziemlich ratlos zurück. So hatte sie ihren Chef bisher nicht eingeschätzt.

 

Einige Zeit später verließ Ngom, von Corte zur Tür geleitet, das Büro. Malik verabschiedete sich mit einer höflichen Geste und einem freundlichen Wort von Anneliese.

 

„Das war vorhin eindeutig nicht gentlemanlike, Herr Dr. Corte“, platze Anneliese heraus. 

Dr. Corte setzte sich lächelnd ihr gegenüber. „Ich bin keineswegs fremdenfeindlich oder rassistisch, wie Sie jetzt vielleicht meinen. Der Mann war für uns eindeutig überqualifiziert, wie Sie sicher auch bemerkt haben werden. Was ich wissen wollte, war, wie Sie mit überraschenden Situationen umgehen. Ich fand Sie souverän. Ich möchte Sie bitten, künftig alle Bewerbungsgespräche zu führen und mir nur den Bewerber vorzustellen, den ich dann auch einstellen werde. Übrigens, den Herrn Ngom konnte ich an einen unserer Partner vermitteln, der eine adäquate Arbeitsstelle für ihn zur Verfügung hat.“ Damit ging Dr. Corte in sein Büro zurück


© RH März 2022 /Renate Höft

 

 

 

Traummann

 

Der Mann in meinem Traum,

ein Traum von einem Mann...

...bis der Wecker klingelt.

 

 

Blickwinkel

 

Ich muss mir mein Aussehen ansehen

den Blick verwinkeln

Außen aus dem Außen

nach innen in mein Innen.

Small talk im Zug

Nur kurzfristig füllt Sinn das Gespräch

wie Wasser die Badewanne

Bis jemand den Stöpsel zieht

Sinn und Unsinn

fließen den Abfluss hinunter

 

 

Zum Zeitvertreib

 

ein wenig Zeit wird benötigt

Bitte,

dass niemand sie vertreibe!

Denn hier und jetzt wird sie gebraucht.

 

(Ulrike Paulick)

 

 

 


Hausnummer 10

 

Vierspurige Einfallstraßen
Eilzugtrassen, Straßenbahn
Verkehrsschilder, Ampeln 
was für ein einziger Wahn
Parkplatzkämpfe, Parkverbot
zweite Reiheparken in der Not
Passanten über die Fahrbahn springen
Handy am Ohr, kann das gelingen?
Im Schlepp noch einen Kinderwagen,
sind die doof? -  Kann sie nicht fragen,
kann schnell noch bremsen, lauthals fluchen.
Augen geradeaus, muss eine Straße suchen.
Endlich, die Schwedenstraße, Hausnummer 10,
leider kann ich keinen Parkplatz sehn.
sechsmal schon um den Block gefahren, 
endgültig habe ich jetzt genug,
ich fahre genervt raus aus der Stadt, 
wieder rein mit dem nächsten U-Bahn-Zug.
Na bitte, das geht doch ganz kommod,
wäre da nicht die leidige Sitzplatznot,
acht Stationen bis zu meinem Ziel,
ich habe sie satt die hektische Stadt,
mir wird es langsam viel zu viel.
U-Bahntunnel, krächzende Durchsagefetzen,
tausende Beine durcheinander hetzen.
Startende Bahnen, grellklingende Elektromotoren,
am Kiosk liegen Menschen, halbverfroren,
hinter beleuchteten Fenstern, 
teilnahmslos, mit leeren Blicken,
die vermeintlich besseren Leute,
belanglose Nachrichten auf die Reise schicken.
Jetzt aber raus aus dem hektischen U-Bahnschacht,
Rolltreppe rauf, oh die Sonne lacht.
Die Glocken vom Dom jetzt den Abend einläuten,
vor Jahren sich die Menschen daran erfreuten,
nun sind sie nur noch leise zu hören,
die meisten Menschen werden sie eh nur stören.
Auf dem Domplatz will ein Tourist die Uhrzeit wissen,
derweil hat ihm eine Taube aufs Jackett geschissen.
Nun kommt der Mann
immer näher an mich ran,
ich denk zuerst, der macht mich an.
Dann gibt mir seine Nähe zu bedenken,
der Kerl will mich nur etwas ablenken.
Es ist wohl seine miese Masche,
ich spüre seine Hand an meiner Hosentasche.
Er will wohl an mein wenig Gelde,
ich hol weit aus, klatsch ihm eine Schelte.
Mit eiligen Schritten hetze ich davon,
höre Geschrei und laute Pfiffe,
eine Anti-Terror-Demonstration,
ich renne weiter, wie ein gehetztes Tier,
suche zum Ausruhen eine Kneipe und ein kühles Bier
Es ist inzwischen schon halb acht,
es bricht nun an die Neonlicht-Nacht.
Ich zahle die Getränke und mach mich auf,
falle gleich darauf in einen Dauerlauf,
ich suche noch immer die Schwedenstraße Nummer 10
kann aber plötzlich nur noch weißblaue Fahnen sehen,
oje, ein Heimspiel vom BSC Berlin, 
es sind Fans, die teilweise besoffen
zum Olympia-Stadion ziehen,
das alles wäre wohl friedlich verlaufen
käme da nicht von rechts ein Bayern-Haufen.
Ich stürze mich in den nächsten U-Bahnschacht,
jetzt ist es inzwischen viertel nach acht.
Auf dem Fahrplan entdecke ich die Linie neun,
pünktlich läuft quietschend die U-Bahn ein
ich quetsche mich hinein, ein Stehplatz nur,
drei Stationen, bin der Schwedenstraße auf der Spur.
Minutenspäter springe ich die Stufen, 
hinaus aus dem stinkenden Schacht,
ich bin entsetzt über die städtische Nacht.
Ein bedrohlicher Riese steht senkrecht vor mir,
es ist der Hochhausneubau, Schwedenstraße vier,
in einem Sterne Restaurant 
feine Damen in ihren noblen Roben,
vergoldete Steaks dinieren, 
nur um ihren Reichtum auszutoben.
Und 50 Meter entfernt vom Eingangsportal,
in einem zugigen Durchgang, ziemlich schmal,
drei Frauen in Lumpen ihre Hände ausstrecken,
das Leben konnte ihnen keine höheren Ziele stecken.
Beschämt sitze ich gleichdrauf in der Untergrundbahn,
will nur noch schnell aufs Land, nach Hause fahr ́n
habe vom städtischen Treiben genug geseh ́n
ich wollte doch eigentlich nur gemütlich Essen,
im Restaurant, in der Schwedenstraße, Nummer zehn.
                                                                                                                                ©   HJS   29.03.2022
 

 

 

 


Bis dass der Tod uns scheidet
 
Penelope und Pepe hüpfen fröhlich durch Garten und Beete                                                    Als Team genießen sie ihr Leben, ohne jegliche Dekrete                                                            Ihre Zweisamkeit scheint typwidrig aus der Krötenperspektive                                              Wie ein ständiges Erdbeben, gleich einer Superlative                                                                Mit schwerem Los haben sie es als Krötenpaar nicht leicht                                                      Zumal er, zu klein geraten, kaum an sie reicht 


Bauernschläue überdeckt sein körperliches Defizit                                                                      So gewinnt er mit Scharfsinn seinen Auftritt                                                                                 Er lässt sich tragen von seiner Liebsten                                                                                        Sie ächzt bisweilen, er kann es genießen                                                                                    Pepe, du fauler Geist, hüpf runter                                                                                                    Du raubst mir Lebenskraft, ich werd‘ schwächer anstatt munter

 
Penelope, mein Rasseweib                                                                                                                Ich verehre dich, schätze deinen Liebesbeweis                                                                          Pepe siegessicher grinst im Stillen                                                                                              Kann Zappeln kaum vermeiden, so freut er sich aufs Chillen                                              Trällert ihr ins rechte Ohr, verrückt macht mich deine Silhouette                                    Spring widerspruchslos und schnurstracks mit mir ins Ehebette 


Pepe, zum Fressen hab‘ ich dich gern, mein süßer Schatz                                                  Hinterm Brunnen find‘ ich sicher unseren Kuschelplatz                                                 Penelope lächelt verschmitzt im Stillen                                                                                        Dir zeig ich’s mein Freund, freut sich ebenso aufs Chillen                                                    Pepe, rutsch runter und lass dich nieder                                                                                        Ich sing‘ derweil die schönsten Wiegenlieder 


Der Mensch, dem dieser Garten gehört                                                                                      Stört sich an Mäuschens Vielfalt und schwört                                                                             Auf mit Lockstoff ausgestatteten Fallen                                                                                 Denen, welch Drama, nicht nur Mäuschen zum Opfer fallen                                        Penelope frohlockt und springt in die Freiheit                                                                    Bedankt sich gen Himmel für Pepes Einfältigkeit 


Und die Moral von der Geschicht ...                                                                                     „Hochmut kommt vor dem(r) Fall(e)“,                                                                             Rücksicht und Toleranz führt auch dich ins Licht 


©Jutta Büsscher / 01-2021

 

 

 

 

                                                         Lebenslust

 

 

                            Biegsam und weich trotzten sie stürmischer Liebe 
                                  Eiskalte Enge verjagte hungrige Lebensdiebe  


                        Verschmitzt löst scharfer Wind das einengende Mieder 
                    Die Show kann beginnen, befreiend weichen die Bindeglieder 


                        Runde Knubbel sich im Sonnenlicht aneinanderschmiegen 
                        Vorwitzig nutzen sie Kraft junger Hölzer, die voyeurisieren

  
                          Geöffnete Blütenkelche posen im erotischen Wettkampf  
                    Buschwerk als Freiluftbordell, Insekten protzen im Liebeskrampf 


März 2022 
© Jutta Büsscher

 

 

 

Habt Mut  zur  Hoffnung

 

Du     starkes Land,
           getragen von der Würde jedes Einzelnen.


Du     geschundenes Land,                                                                                                                                ungeduldet in seiner demokratischen Freiheit.

 

Du     mutiges Volk,

           bereit  -  bis zur letzten Verteidigung.


Du     stolzes Volk,
          bewusst deines erkämpften Status.

 

Ihr     tapferen Männer,

           schmerzlich der Abschied im Grenzbereich.


Ihr    starken Frauen,
          erhaben aus der Kraft und  Macht eurer Liebe.

 

 

Verzweifeltnicht!

 

                                   Moses liebte sein Volk.
                                   Er vertraute ihm.
                                   Er machte ihm Mut.
                                   Er führte sein Volk aus der Knechtschaft.

 

 


Bei allem Leid  -   auch ihr habt einen Moses.
                                Er wird euch nicht im Stich lassen.                                                                                                      Vor der Knechtschaft wird er euch bewahren.
                                Das Meer wird sich teilen.
                                Riesige Wellen werden über dem Feind zusammenschlagen,
                                sie werden ihn verschlingen  -  mit Ross und Reiter.
                                Wenn dann die Hungersnot kommt, wird der Agressor
                                                                                                                 Bittsteller sein. 

 

 

 

Habt Mut zur Hoffnung!                                                                                                                                            

                                 Denn bald werdet ihr wieder unter den Weinstöcken und den 

                                                                                                Feigenbäumen sitzen können.

 

Ulrike Filitz 

 

 

 


Wunschzettel


Du Land der Fantasie, 
öffne Deine Pforten, wenn Grauen und Angst die Herrschaft übernommen haben. 


Zeige die Stärke der Schönheit,


die Macht des Glaubens,

 

die Bedeutung der Liebe,


das Blühen der Hoffnung


Zeige Dein Paradies ohne Grenzen.


Renate Höft                                                                                                       © RH März 2022

 

 

 
Geliebte Erde


Geliebte Erde,
es ist traurig
zusehen zu müssen,
wie dich deine Bewohner quälen 
und rücksichtslos ausbeuten.
Geldgier, Macht
und überbordender Luxus
haben dich in nur einem winzigen Augenblick
deines langen Daseins im Universum
schon bald zerstört.
Heute kannst du dein Schicksal
noch beweinen,
aber Morgen schon
reichen deine großen Wasser
nicht mal mehr 
für deine Tränen                                                                                  ©    HJS   01.03.2022

 

Hermann Schuhen

 

 

 

Der Mensch in seiner eigenen Welt

braucht doch die Erde,

 

doch die Erde benötigt

den Menschen nicht.

 

Aphorismus von Ulrike Paulick

 

 

 

 

Weltbilder ganz nah


Wie können wir ertragen was wir sehen?
In Schutt und Asche ragen Mauern aus dem Staub.
Mit blutgetränkten Bahren rennen Menschen
mit Mann --  mit Frau  --  mit Kind  -- kein Krankenhaus.


Auch das zerstört, man trägt die wilden Schreie,
wohin damit?, es gibt hier keinen Ort.
So lädt man sie auf schrottverbeulte Laster
und rast --- wohin?,und rast nur einfach fort.


Kannst du ertragen, was wir jetzt hier sehen?
Bequem im Sessel sitzend streift uns ferner Tod.
Wir sind erschüttert hier, ganz ohne Frage
und fühlen tief der andern große Not.


Wir können schwer ertragen was wir sehen.
Gejagt, geschunden werden Menschen dort.
Jedoch , wenn`s heißt sie helfend aufzunehmen
macht man sein eigen Nichts zur größten Not.


Nun lasst uns handeln gegen feiges Zögern.
Die Kinderschreie treiben uns zur Hast.
Ein jeder öffne spaltbreit seine Türe,
wer mag, wer kann, öffne so weit
                                        sein Herz umfasst. 

Ulrike Filitz

 

 

 

Engel


Ich glaube,

vom Himmel hoch,
da kamen sie her,
und als sie die Not
und die verzweifelten 
Menschen sahen,
legten sie ihre goldenen Flügel
und weißen, langen Kleider ab,
streiften sich Pullis und Jeans über,
stiegen in hohe Gummistiefel,
und nahmen unerschrocken 
Schaufeln in ihre Hände.

 

Hermann Schuhen

 

 

 

 

Nur 6 Flaschen Rum(nach einer wahren Begebenheit)

 

Hannelore saß in ihrem Haus nahe der Grenze zu Dänemark am Küchentisch und studierte die Wochenangebote des grenznahen Supermarktes in der Tageszeitung. Es war ein warmer sonniger Frühsommertag. Heute nachmittag wollte sie frische Erdbeeren für einen Kuchen aus dem Garten holen. 

                                                                                                                                                                      Da fiel ihr bei den Sonderangeboten ein begrenztes Kontingent für hochprozentigen Rum ins Auge, der kartonweise angeboten wurde. Das war genau der Richtige für ihren jährlichen Rumtopf. In der Adventszeit genoß ihre Familie gern den Rumtopf mit den Früchten aus dem eigenen Garten.


Kurzentschlossen machte Hannelore sich auf den Weg. Wenn sie sich beeilte, würde sie
rechtzeitig wieder zuhause sein, wenn ihre Tochter Kirsten aus der Schule kam.


Es war die Zeit, als in Europa noch nicht die Grenzen gefallen waren. Diesseits und jenseits der Grenze gab es fast in Sichtweite je einen Supermarkt, bei dem mal der eine und mal der andere Angebote hatte, die die grenznahen Anwohner anlockte. Aber alle mußten zunächst die Zollkontrolle passieren.


Hannelore schaffte es, den vorletzten Karton zu ergattern. Gerade als sie den Kofferraum
ihres Autos geschlossen hatte, kam Birte fröhlich lachend auf sie zu.
Birte war eine Schulkameradin, zu der sie nie den Kontakt verloren hatte. Birte war
inzwischen mit einem Dänen verheiratet und wohnte auch in Dänemark. Heute hatte sie
offensichtlich etwas in dem deutschen Supermarkt entdeckt.


„Weißt Du, was ich eben bei „Ria“ (so hieß der Markt auf der dänischen Seite)  gekauft habe?“ platzte sie heraus. „Die haben ganz tolle preiswerte Clogs. Das wäre doch was für Dich.“ Hannelore überlegte kurz, sie hatte noch etwas Zeit. Das Mäppchen mit ihrem Pass sowie mit dänischen Kronen hatte sie wie stets griffbereit.
Und neue Clogs brauchte sie auch gerade. „Danke, Birte“ rief sie und schwang sich in ihr
Auto. Birte winkte und verschwand im Supermarkt.


Nach wenigen Minuten stand Hannelore an der deutschen Zollkontrolle. Sie hielt ihren Pass aus dem Autofenster „Haben Sie etwas zu verzollen?“ fragte ein freundlicher Beamter. „Nein,“ antwortete sie mit gutem Gewissen. „Öffnen Sie bitte den Kofferraum“. Etwas unwillig über die unnötige Zeitverzögerung stieg sie aus und öffnete die Klappe. Da wurde ihr plötzlich siedend heiß. Gut sichtbar stand da der Karton mit den 6 Flaschen Rum.


„Kommen Sie bitte mit, den Rum müssen Sie verzollen, das wissen Sie doch sicher.“
„Aber, aber ich will doch nur kurz zu Ria,“ stotterte sie. „Ich lasse den Karton hier und hole
ihn gleich wieder ab.“ Der Beamte wurde förmlich: „Tut mir leid,“ sagte er kalt. Er war bereits dabei, die Zollerklärung vorzubereiten. Hannelore verlegte sich aufs Bitten. Der Beamte blieb hart. „Entweder Sie verzollen jetzt den Rum oder Sie kommen nicht über die Grenze.“ „Aber ich will den Rum ja gar nicht mit über die Grenze nehmen,“ versuchte sie es noch einmal. Der Beamte zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie den hierlassen, werden wir ihn vernichten,“ meinte er gelassen. Was ihr bei diesen Worten auf der Zunge lag, schluckte sie lieber hinunter. Wütend über so viel – wie sie fand  - Starrsinnigkeit des Beamten wendete sie denWagen und fuhr zurück.


Ob sie später noch einmal ohne Rumflaschen über die Grenze gefahren ist um sich die
Clogs zu kaufen, ist nicht überliefert.


© RH Februar 2022  Renate Höft

 

 

 

 

Liebe  auf den ersten Blick? 


Sie begegneten sich rein zufällig. Sie trug einen leuchtend gelben Anorak, ein sonniges Gelb in der Farbe von Sonnenblumen. Er trug eine Jacke, olivgrün, wie ihn Männer in der Natur mögen.  
Es war ein sonniger Tag, blauer Himmel mit einigen weißen Wolken, kaum Wind, frisch kühl, so wie Tage in den letzten Wochen des Jahres häufig sind. 

 

Auf dem Rhein fuhren die Schiffe wie sie immer fuhren, Spaziergänger und Radfahrer waren unterwegs, über die hölzerne Brücke der Ahr, kurz vor ihrer Mündung in den Rhein.

 

Schöne Blicke von hier in die wilde Natur des kleinen Mündungsdeltas zu beiden Seiten.  

 

Sie hielten beide an. Es war deutlich, dass diese Begegnung nicht abgesprochen war.  Auch dass sie sich nicht kannten. Bei beiden war zu spüren, dass sie sich wohl gerne näher 

kennenlernen wollten. Aber sie hielten Abstand.  


Er hatte einige dünne Stöcke in der Hand, links drei kurze, rechts einen langen glatten. Sie schauten sich an, er zögerte, ging dann einen Schritt auf sie zu und streckte langsam die linke Hand etwas vor.  


Sie wich einen kleinen Schritt zurück. Was sollte sie davon halten? 
Beide  schauten sich nach Ihren Begleitern um. Die boten keine Hilfe, blieben ebenfalls 
stehen, sagten und taten nichts.  


Er hätte sich wohl gewünscht, wenn er etwas anderes anbieten könnte, eine hübsche Blume vielleicht. Aber die Stöcke waren ja auch etwas Besonderes. Sorgfältig gesucht und 
ausgewählt, keineswegs beliebige Stöcke. Das merkte man recht bald, so oft wie er sie 
angeschaut hatte, von oben nach unten und von allen Seiten.  


Dann ging er noch einen kleinen Schritt auf sie zu, streckte die linke Hand noch etwas weiter vor und griff mit der anderen Hand einen der Stöcke heraus und bot ihn ihr an. Eindeutig der schönste von den dreien. 

 
Es war klar,  ein derartiges Angebot hatte sie bisher nicht erhalten, sie  war unsicher, wie 
sollte sie sich verhalten? Von Fremden nahm sie nie etwas an. Aber in diesem Fall?  Er hatte bestimmt keine bösen Absichten, so freundlich wie er auf sie zukam. 

 

Er hatte nichts gesagt – sie sagte auch nichts.  Ging zögerlich einen Schritt vor und nahm den Stock.  

 

Jetzt wird er sie nach ihrer Telefonnummer fragen. Tat  er nicht, ging einen Schritt zur Seite auf  seine Mutter zu. „Nächstes Jahr kommt er in die Schule. Bei uns sammeln sich die Stöcke an.“  


„Sie hat noch zwei Jahre bis dahin“. Beide Mütter lachten und gingen mit den beiden weiter.  

 

Jo Kus 

 

 

Wie war ihr Name? 


Der junge Mann hinter der Rezeption überreichte ihr den Schlüssel: „ Ich wünsche Ihnen wieder einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus!“ 

 
Die Dame in dem eleganten Lufthansa-Dress  nahm ihn mit einem Lächeln entgegen:  „Vielen Dank, Martin!“  und ging zu den gläsernen Aufzügen. 

 
Johann Jakob von Brockenfels trat an die Theke, wünschte einen guten Tag und nannte seinen Namen: „Ich habe reserviert.“  


Sein Gegenüber antwortete mit einem flüchtigen  „ Guten Tag, ja gerne“ und schaute noch wie träumend seinem vorigen Gast nach. Der Aufzug entschwand soeben nach oben.  


Doch wenige Sekunden später richtete Martin den Blick auf den neuen Gast: „Entschuldigung, wie war der Name?“ 


Brockenfels lächelte: „Nun, ich kenne die Dame nicht.  Sie könnten doch nachsehen, oder?“ 


Martin Klepper war sichtlich irritiert: „Äh, natürlich. Ich meine doch Sie. Wie Ihr Name war.“ 


„Das finde ich aber sonderbar. Wann meinen Sie genau?“ 


„Pardon, ich war etwas abgelenkt.“ 


„Ja, das habe ich bemerkt. Was hatten Sie gesagt?“  


„Ihren Namen, bitte.“ 


„Tut mir leid, das habe ich dann anders verstanden. Meinen Namen habe ich ihnen doch vorhin genannt.“  


„Sorry, ja, aber wie war der denn?“  


 „Das ist jetzt aber sonderbar. Hat mich keiner bisher gefragt. Aber ok, ich sag’s ihnen. Wissen sie, den Ersten weiß ich nicht mehr, wegen Adoption. Soll ich auch nicht wissen dürfen, hab‘s aber  rausgekriegt, da war ich ja noch kein Jahr und danach Mueller, mit ue, die meisten schreiben ja mit ü, musste ich immer erst draufhinweisen, aber wie ich meine Frau kennengelernt habe, die hätte ja nichts gegen Mueller mit ue gehabt, aber mein Schwiegervater... 


„äh, nein, nein...“ 


... also unterbrechen Sie mich nicht, mein Schwiegervater, der war nun überhaupt ganz und gar nicht einverstanden und hat darauf bestanden, hauptsächlich wegen der Firma, Natursteine und so wissen Sie, Müller gibt es ja viele auch wenn mit ue aber das merkt man ja nicht am Telefon und so und da wollte er unbedingt, dass sein Name in der Firma und auch wegen der Enkel, wahrscheinlich, und da habe ich dann gesagt, mache ich und ist ja auch nichts dabei, meistens ändern ja die Frauen, heutzutage ja auch nicht mehr immer, müssen sie ja auch nicht und ist ja auch gut so, oder? Aber ist das nun für sie wichtig? Ich meine, wie ich früher?  


„Nein, natürlich nicht.“ 


„Weshalb fragen Sie denn?“

 
„Das habe ich doch gar nicht!“  


„Jetzt hören Sie mal! Sie haben gefragt: ‚Wie war ihr Name"; habe ich genau verstanden.“

 
„Ich hatte Ihren Namen nicht richtig verstanden. Tut mir leid. Deshalb habe ich nachgefragt.“ 


„Ach so, ich verstehe! Sie wollen wissen wie ich heiße?“ 


„Ja genau; damit ich nachsehen kann.“ 


„Dann sagen Sie das doch gleich!“ 


Martin K. wischte sich etwas Schweiß von der Stirne,  Brockenfells grinste.  

 

Jo Kus

   

 

 

Innen – Außen   oder die Welt Ansich (t)   

 

 

Es ist, als sei ich aus einer anderen Zeit.

 

Vielleicht aus Versehen im Heute gelandet?

 

Das seltsame Gefühl ,mich außerhalb dieser Gesellschaft stehen zu sehen. Von dort beobachtend, das Außen der Anderen.

 

Der ganze Irrsinn unseres derzeitigen Lebens, in allen Dingen.

 

Nur wenn er säuberlich geordnet wird, dieser Irrsinn, dann kann er sich wunderbar hinter Gesetzen, Vorschriften oder Verordnungen verstecken. Man kann also annehmen, alles ist normal wie immer, solange sich der Irrsinn nicht deutlich zeigt.

 

Die Welt ist eingeteilt, exakt vermessen und säuberlich parzelliert. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Diese Ordnung umfasst unsere Welt, unser Leben, uns. Welche Ordnung hat das Leben?

 

In welchem Ordner ist es abgelegt?

 

Ganz unten? In einem Unterordner des Unterordners des Unterordners…? Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt. In seinem Ordner.

 

Der Ordner des Einen ist prall gefüllt mit fein säuberlich abgehefteten Informationen über die Dinge im Außen. Der Andere führt einen Kampf mit sich selbst in seinem Innersten.

 

Echtes LEBEN IST CHAOS! Ohne Chaos kein Leben…sich einlassen auf Chaos. Die Ordnung im Chaos? Wie kann das sein? Da, wo Chaos ist, kann keine Ordnung sein, oder?

 

In solchen Momenten wie diesen, wenn ich im Außen wie neben mir stehe, nehme ich eine andere Dimension wahr. Die Dimension von Chaos.

 

Alles, was wir aus der Vergangenheit wissen, unsere Geschichte –

 

LÖSCHEN! Neu denken! (Frei nach Giorgio Agamben)

 

Alle Dinge, die entstehen und wieder gehen, VERGEHEN!

 

Wenn ich mich im Außen befinde, um mich von dort zu beobachten, dann sehe ich mich im Außen und in diesem Außen sehe ich mein Innen und dieses Innen verspürt eine Sehnsucht nach Vereinfachung.

 

Ulrike Paulick

 

 

 

Ein Frühlingsmärchen

 

Warm schien die Frühlingssonne. Herr Tulipan, noch ein Jüngling, rekelte sich wohligaulickin seinem molligen Erdbett. So angenehm es auch war, wurde er doch zunehmend

neugierig, wie es wohl draußen aussah. Vorsichtig streckte er eine Spitze aus dem
Boden. Er sah nichts als ein etwas bläuliches Grün ringsherum. Er reckte sich weiter
heraus. „Wo bin ich hier?“ fragte er sich. Immer noch sah er nichts als lanzenspitze
Blätter, aber darüber, so schien es ihm, leuchtete es weißlich-gelb.
Durch das Lanzengitter erblickte er einen Vogel auf dem Rasen. Den kannte er, es
war eine Amsel auf Suche nach ihrem Frühstück. „Guten Morgen, Frau Amsel,“ rief
er. Sie konnte nicht antworten, weil sie gerade einen Regenwurm aus dem Rasen
zog. „Hallo, Frau Amsel“, rief er noch einmal, „sagen Sie bitte, wo bin ich hier?“ Sie
zog bereits einen zweiten Regenwurm hervor. Auch den verspeiste sie genüsslich.
Dann   jedoch   schaute   sie  sich   um,   woher die  Stimme   kam,  konnte   aber  nichts
erkennen und flog davon.
Herr Tulipan reckte sich noch weiter empor. Er schob seinen Blütenkopf nach oben.
Ein schwerer unbekannter Duft umhüllte ihn.
Eine zweite Amsel landete auf dem Rasen in seiner Nähe. Wieder rief Herr Tulipan,
diesmal klang seine Stimme ziemlich verzweifelt, aber die Amsel flog davon, ohne
ihn zu beachten. Etwas entfernter entdeckte er zwei andere Herren in Violett, wie
Kardinäle. „Hallo, Kollegen,“ rief er, aber die schauten nur hochmütig in eine andere
Richtung.
Da klang es von oben, direkt über ihm recht ungehalten: „Warum schreist Du denn
so?“ „Ach,“ antwortete Herr Tulipan, „ich kenne mich nicht aus, wo bin ich denn
hier?“. „Du steckst in einem Narzissenbeet“ „Oh,“ sagte Herr Tulipan nur und sein
Blütenkopf wurde leuchtend rot. Er wußte nämlich, daß Narzissen sehr eitel sein
konnten. Trotzdem berührte er vorsichtig das spitze Narzissenblatt. „Danke, Frau
Nachbarin,   Ihr   Duft   ist   betörend   und   Ihr   zartes   Kleid   ist   wunderschön.“
Geschmeichelt senkte sich die Narzisse ein wenig zu ihm herab. „Auch Sie gefallen
mir, wenn Sie nur nicht so schreien würden,“ sagte sie. „Das verspreche ich,“ meinte
erleichtert Herr Tulipan.
Die beiden pflegten von da an eine gute Nachbarschaft. Sie genossen gemeinsam
den Frühling, und als ihre Zeit gekommen war, verabschiedeten sie sich voneinander
und versprachen sich gegenseitig, den nächsten Frühling wieder gemeinsam zu
verbringen.

 

Renate Höft

 

                                Z   e    i    t


Ach, du Zug der Zeit,


vergeblich suche ich deine Bremse

 

Hermann Schuhen

 

 

Die große List


Ich finde es von der Zeit
eine riesengroße List,
dass nach nur 12 Monaten
ein Jahr zu Ende ist,
denn grad im Alter,
wo die Zeit so schnell vergeht,
wie, wenn einer am Zeiger dreht,
da würde ich,
ohne die Zeit zu fragen,
nur einfach so mal sagen,
dass das Jahr ab jetzt 18 Monate hat,
es wären auf mein Alter bezogen,
glatte 50 Prozent Rabatt.

 

Hermann Schuhen

 

Die Groschen


Acht Groschen rollen fröhlich durch die Stadt,
ein Polizist verwundert fragt -
was denn das zu bedeuten hat.
Es ist unser großer Wunsch auf Erden,
sind auf dem Weg zur Deutschen Bank,
wollen zusammen mit den Zinsen
ein echtes Markstück werden!“

 

Hermann Schuhen


 

 

Trip nach Amsterdam

Wir fuhren mit ́nem Schiff nach Amsterdam,
wollten schaun, ob die wirklich so viel Wasser ham,
dort wir uns schnell auf die Suche machten,
fanden Wasser in schönen, geraden Grachten,
drüber steinerne Brücken führen,
sahen alte Häuser mit bunten Türen,
hohe Fenster mit edlen Rahmen,
darinnen winkten fleißig Damen,
fanden fürstliche Fassaden mit kunstvollem Stuck,
da plötzlich gibt mir meine Frau
einen heftigen Ruck,
Hermann komm schnell,
wir sagen Amsterdam adieu,
wir flanieren schon eine Stunde im Rotlicht-Milieu.
 

Hermann Schuhen

 

 

 

Außen und innen


Endlich hab‘ ich mein Debüt,
um das ich mich schon lang bemüht.
Erwartungsvolle Stille im Saal,
doch was krabbelt da?
Verflixt nochmal.
Noch bevor ich Klarheit drüber gewinne,
ob Zitter- oder Weberspinne,
krabbelt sie ins Hosenbein.
Ich schüttel’ mich ganz automatisch,
aber das findet sie nur sympathisch
und -
setzt ihre Eroberung fort
trifft auf meinen intimen Ort.
Maßt sich Rechte an,
die ich ihr nicht gewähren kann.
Kribbeln sorgt für arge Pein,
schlagen nützt nichts,
die Hosen müssen vom Bein.
Konträr erwischt mich mein Konflikt,
Kunst versus Phobie, beides nicht geschickt.
Verstand und Herz verstehen sich nicht.
Der Schweiß rinnt,
Synapsen japsen,
versuchen zu schlichten.
Herz rast,
leistet reichlich Arbeitsschichten.
Verdauungsorgane präsentieren sich überlegen.
Dringend benötigt werden Lösungswege.
Das Blut versackt, der Teint wird blass.
Ich denke an Mord.
Chaos im Innern.
Die Spinne bestellt mich zum Rapport.
Jetzt juckt‘s über Brust und Schulter,
auch oben herum muss alles runter.
Hemd und BH müssen nun weichen,
ich hoffe, dann wird sie ihre Pläne streichen.
Eh‘ mein Kratzen Erleichterung bringt,
kribbelt‘s auf der Nase, die Spinne spinnt,
genussvoll sie ins Kopfhaar dringt.
Brüllende Gäste kreieren ein Kompositum,
oh je, ich armes Individuum,
steh‘ nackt auf meinem Podium.
Vergaß ja ganz mein Debütprogramm,
ernte Lacher in einem Parallelogramm.
Im Spinnennetz mein Konterfei,
anstatt Geschichte historischer Malerei.
Endlich ist der Spuk vorbei.
Die Spinne ist fort, verschwunden unterm Schrank.
Gott sei Dank.


Jutta Büsscher© / Wortwerker / 09-2020

 

 

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